* ab 8.9.2016 im Kino!

Dügün

Hochzeit auf Türkisch

IFAGE, WDR 2015 / 90 min / ein Film von Ayse Kalmaz und Marcel Kolvenbach

Fotos: Bernd Spauke



DUISBURG Marxloh: Kohle war gestern, Strukturwandel auch. Geblieben ist der Staub der Erinnerungen an eine Zeit der Gemeinschaft unter Tage. Jetzt ist die Zeit der Kinder und Enkel der ersten türkischen Kumpel. Einige von ihnen sind dick im Geschäft mit der Liebe. In der grauen Realität von Duisburg-Marxloh leuchtet nun die Gegenwart im Weiss der Brautkleider. 


DÜGÜN verführt (!) uns in eine Welt, wie in einer Traumblase versteckt, ein Gegenkonzept bietend, sich absetzend von gegenwärtigen Konflikten zwischen unterschiedlichen Kulturen in Deutschland. 


DÜGÜN zeigt die Suche nach Glück in der Heimatlosigkeit, die Sehnsucht nach einer Heimat im anderen. Wir erfahren die Bedeutung der Hochzeit als etwas Unhinterfragbares, was das kulturelle Überleben einer Minderheit sichert. Denn man sieht sich auf Hochzeiten und nimmt Notiz davon, dass es den anderen gibt. Dass man nicht alleine ist. Dass alle kommen, weil man Teil einer Gemeinschaft ist und weil jedes Leben einen Höhepunkt braucht. Einen Höhepunkt, den alle bezeugen können.

 

 

Pressestestimmen:

 

https://beta.welt.de/kultur/kino/article157988285/So-multikulti-kann-eine-Hochzeit-auf-Tuerkisch-sein.html

 

"Abseits schwarz-weißer, linker Gewissheiten: Der Dokumentationsfilm „Dügün – Hochzeit auf Türkisch“ von Ayse Kalmaz und Marcel Kolvenbach spiegelt sehr genau die Gegenwart deutschtürkischer Familien. (...) Wichtig für diese Menschen sind – wir kennen das aus den Erzählungen unserer in die Moderne geworfenen Großeltern – die Familie, die Tradition, der Stolz auf ihre Leistung und ihre Herkunft – alles Hilfsmittel, um sich in einer Welt zu behaupten, die nicht die feindliche Umwelt ist, die Sanders-Brahms in schwarz-weiß linken Gewissheiten schilderte, sondern unsere bunt schillernde Welt der Auflösung von Gewissheiten, der offenen Zukunft. Der Film wurde großzügig aus öffentlichen Mitteln subventioniert; hier hat sich die Förderung gelohnt. Hingehen!"

 

http://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/puzzle/dueguen-hochzeit-auf-tuerkisch-puzzle-100.html

 

"Ayse Kalmaz und Marcel Kolvenbach gehen in ihrem Dokumentarfilm den großen Fragen rund um Liebe und Ehe nach. Dügün erzählt von pompösen Hochzeitsfeiern, die die Sehnsucht der Brautfamilien nach Glück in der Heimatlosigkeit offenbaren. Und er erzählt von einem ehemaligen Arbeiterviertel, das zum Mekka der deutsch-türkischen Hochzeitsindustrie wurde. (...)

Eigentlich ist es ein Film über das Leben. Er erlaubt einen intimen, auch romantischen Blick in einen eigenen Kosmos, taucht ein in die Welt eines lukrativen Business, großer Emotionen und starker Familien" 

 

Tagesspiegel

 

"...es wird unaufdringlich Werbung betrieben für in unserer Gesellschaft angekommene tolerante Menschen und ein selstverständliches Miteinander. Sehenswert."

 


Produktion:

IFAGE Filmproduktion in Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk

Redaktion: Jutta Krug, WDR
Buch und Regie: Marcel Kolvenbach, Ayse Kalmaz
Kamera: Marcel Kolvenbach
Ton: Ayse Kalmaz
Schnitt: Katharina Schmidt
Produzenten:Volker Schmidt-Sondermann
Andrea Haas
Musik: Sinem Altan

 

Gefördert von:

Film und Medien Stiftung NRW

Deutscher Filmförderfonds

Hessische Filmförderung

 

Denn „ohne Hochzeiten kannst Du alles vergessen“.

 

 

FESTIVALS

Deutschlandpremiere:

DOKfest München 6.5.2016

https://www.dokfest-muenchen.de/films/view/8549?lang=de

US Premiere

http://www.bostonturkishfestival.org/competition/2015/finalists/Dugun_MarriageTheTurkishWay.html

WEITERE LINKS

http://www.germanfilmsquarterly.de/doc2_15_3.html

http://www.strangerthanfiction-nrw.de/programm-2016/dokumentarfilme-aus-nrw/

 

 

 

 

DIALOG DER FILMEMACHER

 

 

Dügün ist ein Film gegen den Zeitgeist. Er ist aus der Zeit gefallen, fast ein bisschen unzeitgemäß. Denn der Film sucht nicht den Skandal. Der Film birgt kein Empörungspotential, will keinen dissen, stellt niemanden an dem Pranger und keinen an die Wand. Dieser Film macht sich nicht auf die Suche nach dem Bedrohlichen im Fremden, sondern der Liebe und der Heimat. 

Der Film ist auch ein Dialog zwischen den Filmemachern. Einer kurdisch-türkischen Filmemacherin, die die Erfahrung des Fremdseins in sich beheimatet und einem deutschen Filmemacher, der mit den Kindern der ersten Generation Gastarbeiter aufwuchs: Türken, Italiener, Spanier. 


 

Ayse Kalmaz: Es war nicht die Brille der brennenden Medienberichte, durch die wir auf Duisburg Marxloh geschaut haben. Unsere Arbeit dort hat nicht danach gesucht, was eventuell demnächst explodieren könnte zwischen Türken, Deutschen, Roma, syrischen Flüchtlingen... Dügün ist ein sich Einlassen auf die Menschen dort und ein Erzählen von dem was wirklich zu beobachten war.


 

Marcel Kolvenbach: Für mich handelt der Film von der Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens vieler Kulturen und Religionen. Das ist meine Realität, mein gelebter Alltag. Eine Normalität, die nicht in die Zeit des Shitstorms passt. Es ist ein Film gegen den Hass, gegen die krampfhafte Suche nach dem Skandal. Ein Film ohne jedes Empörungspotential.  


 

 Ayse Kalmaz: Wir haben erfahren was die Menschen bewegt, was sie antreibt, was es für sie bedeutet zu heiraten, mit Familie und Freunden eine Hochzeit zu feiern. Was für sie Liebe bedeutet und was für einen Stellenwert Hochzeiten haben, in der Gesellschaft, in der wir heute leben. Gerade für Menschen, die sogenannte "Fremde" sind, an einem Ort, der nun ihre Heimat ist.

 
 

 Marcel Kolvenbach: Der Film ist nicht frei von Romantik und Gefühlen. Und es geht um starke Familien. Das macht vielen Deutschen Angst. Gefühle werden als „kitsch“ verdrängt und Familien als Beschneidung, Beschränkung individueller Freiheiten erlebt. Ich habe mir einen romantischen Blick erlaubt. Ich habe mit der Kamera nach den Bildern gesucht, die mich seit frühester Kindheit fasziniert haben, denn die Menschen vom Mittelmeer haben seitdem ich denken kann mein Herz erfüllt.  

 
 

 Ayse Kalmaz: Wir sind auf dieser Suche nicht der IS begegnet, nicht den Jugendlichen, die am Kölner Dom, Frauen gegenüber übergriffig geworden sind. Wir haben keine Väter getroffen, die ihre Töchter schlagen und einsperren. Keine Brüder, die Ehrenmorde begehen.  

 
 

 Marcel Kolvenbach: Wir haben keine Neonazis, keine Pegidas getroffen, keine Schlägertrupps, die durch die Straßen ziehen um all jene an die Wand zu klatschen, die für sie nicht ins Bild passen.

 
 

 Ayse Kalmaz: Dieser Film sagt nicht, dass all diese Dinge nicht existieren.  

 
 

 Marcel Kolvenbach: Von manchen Dingen haben wir bei der Recherche ganz nebenbei erfahren: zum Beispiel den Schutzgelderpressungen unter denen nicht die Deutschen, sondern die Türkischen Händler leiden. Oder die zunehmenden Spannungen zwischen etablierten Migranten der dritten Generation und ganz neuen aus dem Balkan. Aber das war nicht unser Thema.  

 
 

 Ayse Kalmaz: Dieser Film entscheidet sich von einer Normalität zu erzählen. Von der Normalität einer Gesellschaft, die sich wandelt. Dass Menschen von einem Ort der Welt, an irgendeinem ganz anderen, fernen Ort der Welt ein zu Hause für sich finden können. Dass sie dort Hochzeiten feiern und Hochzeitskleider nähen und verkaufen können. Dass sie Sehnsucht haben nach Menschen und den Orten, die ihre Wurzeln verkörpern. Wurzeln, die ihnen Halt geben, in einer Welt, die immer größer und gleichzeitig immer kleiner wird.  

 
 

 Marcel Kolvenbach: Strukturwandel aus dem Herzen der Menschen. Wo vorher rauchende Schlote standen, stehen jetzt Industriedenkmäler. Die letzten Hochöfen werden eingeschmolzen oder nach China verkauft. Es gibt keine Arbeit, wenn die Menschen nicht selber neue Arbeitsplätze schaffen und die Hochzeiten sind so ein Strukturwunder, wie aus dem Nichts geschaffen. Blütenweiße Kleider aus schwarzem Ruhrpott-Staub.

 
 

 Ayse Kalmaz: All das ist möglich. Mit all den Fragen, die wir als Gesellschaft beantworten können.  

 
 

 Marcel Kolvenbach: Ich glaube, dass Dügün ein Teil unserer Zukunft ist. Die Zukunft der Enkel der türkischen Migranten, die einmal kamen, um als Kumpel unter Tage zu arbeiten oder an den Hochöfen der Deutschen Stahlschmieden und heute mit Whatsapp mit ihren über die Welt verstreuten Familien vernetzt sind. Die Zukunft derer, die heute zu uns aus Syrien kommen, froh, mit dem Leben davongekommen zu sein und sich in 30, 40 Jahren die gleichen Fragen stellen werden, die die türkischen Eltern, die in unserem Film ihre Kinder zur Hochzeit begleiten.  

 
Ayse Kalmaz: Die Zukunft, das sind meine türkisch/kurdisch/deutschen Kinder und Marcels ugandisch/deutschen Kinder. Die Kinder von unseren Protagonisten Ani und Erdem, Meltem und Harun, Melina und Süleyman werden sich nicht mehr mit Begriffen wie türkisch, deutsch, syrisch, kurdisch, spanisch definieren.

 
 

 Marcel Kolvenbach: Die Zukunft kann nur gelingen, wenn sich unsere Kinder und die Kinder von unseren Protagonisten nicht versuchen, sich durch Herkunft und Sprache gegeneinander abzugrenzen, sondern wenn sie mit einer grösseren Selbstverständlichkeit, alles sein und leben können, was sie sind.  

 
 

 Ayse Kalmaz: Ich glaube, dass unser Fokus auf dieser Normalität liegen sollte. Auf dem Weg dahin nehmen wir auch unsere Ängste mit und unsere Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit mit. Nur dass wir die Zugehörigkeit möglicherweise ganz woanders finden, als wir sie jetzt vermuten.